Relatives und absolutes Risiko: Gesundheitszahlen richtig lesen
Gesundheitsdaten und Studienergebnisse können verwirrend sein. Der Beitrag zeigt, wie Sie relatives und absolutes Risiko unterscheiden und medizinische Kennzahlen richtig lesen.
- Lesezeit
- 8 Min.
- Veröffentlicht
- Aktualisiert
- Inhaltsverzeichnis
- 7

Jeden Tag begegnen uns in den Medien, in Zeitschriften und im Internet unzählige Gesundheitsdaten und medizinische Statistiken. Ob es um eine neue Therapie, eine präventive Maßnahme, eine spezielle Ernährungsform oder eine allgemeine Lebensstilempfehlung geht – Zahlen werden sehr gerne genutzt, um die Wirksamkeit einer Empfehlung zu unterstreichen. Dabei klingen Prozentangaben oft beeindruckend und vermitteln ein Gefühl von wissenschaftlicher Gewissheit. Doch genau diese Kennzahlen können sehr leicht missverstanden werden, wenn man sie nicht in den richtigen Kontext setzt und nüchtern betrachtet.
Ein kritischer, besonnener und sachlicher Blick auf die zugrunde liegenden Daten ist daher unerlässlich, um informierte gesundheitliche Entscheidungen für sich selbst treffen zu können. Die Unterscheidung zwischen dem relativen und dem absoluten Risiko spielt hierbei eine ganz zentrale Rolle. Während plakative Schlagzeilen häufig mit großen relativen Prozentzahlen arbeiten, um maximale Aufmerksamkeit zu generieren, zeigt ein genauerer Blick auf die absoluten Werte oft ein weitaus weniger dramatisches Bild. Dieser Ratgeber erklärt Ihnen die wichtigsten Begriffe aus der medizinischen Statistik und zeigt auf, wie Sie Gesundheitszahlen richtig lesen und hinterfragen.
Wichtige Begriffe rund um das Risiko
Um Gesundheitsdaten nüchtern einordnen zu können, müssen zunächst die grundlegenden Begriffe klar definiert sein. In der medizinischen Forschung und in der Berichterstattung tauchen immer wieder die Begriffe des absoluten und des relativen Risikos auf. Diese beiden Konzepte zu verstehen, ist der Schlüssel zur eigenen Risikokompetenz.
Das absolute Risiko beschreibt die tatsächliche Wahrscheinlichkeit, dass ein bestimmtes Ereignis in einer definierten Gruppe über einen festgelegten Zeitraum hinweg eintritt. Es wird meistens als klares Verhältnis angegeben. Diese Darstellungsweise ist besonders transparent, da sie sofort greifbar macht, wie viele Personen von einer bestimmten Entwicklung tatsächlich betroffen sind.
Das relative Risiko hingegen vergleicht das Risiko zwischen zwei verschiedenen Gruppen, typischerweise einer behandelten Gruppe und einer unbehandelten Kontrolle. Es zeigt die proportionale Veränderung an, verschleiert dabei aber das sogenannte Basisrisiko. Wenn sich ein Risiko halbiert oder verdoppelt, ist das eine rein relative Aussage. Ohne zu wissen, wie hoch das Risiko vor dieser Veränderung war, bleibt der tatsächliche Effekt auf den Einzelnen unklar.
Aus diesen beiden Begriffen leiten sich auch die absolute und die relative Risikoreduktion ab. Die absolute Risikoreduktion ist die einfache mathematische Differenz zwischen dem Risiko der unbehandelten Gruppe und dem Risiko der behandelten Gruppe. Die relative Risikoreduktion gibt an, um wie viel Prozent das Risiko im Vergleich zum ursprünglichen Ausgangswert gesunken ist.
Ein illustratives Rechenbeispiel
Um den Unterschied zwischen relativen und absoluten Zahlen greifbar zu machen, betrachten wir ein fiktives Rechenbeispiel zur Veranschaulichung. Stellen Sie sich vor, eine neue, präventive Maßnahme zur Vermeidung einer bestimmten Erkrankung wird in einer großen Studie getestet. Es gibt zwei Gruppen: Die eine Gruppe wendet die Maßnahme an, die andere Gruppe dient als Kontrolle und wendet sie nicht an.
In der Kontrollgruppe ohne die Maßnahme erkranken in einem bestimmten Zeitraum 2 von 100 Personen. Das absolute Basisrisiko liegt hier also bei diesem Wert. In der Gruppe, die die neue Maßnahme anwendet, erkrankt im selben Zeitraum nur noch 1 von 100 Personen.
Wenn wir nun die absolute Risikoreduktion berechnen, ziehen wir einfach das Risiko der behandelten Gruppe von dem der Kontrollgruppe ab. Das Risiko sinkt von 2 von 100 auf 1 von 100. Die absolute Risikoreduktion beträgt somit genau 1 Prozentpunkt.
Betrachten wir jedoch die relative Risikoreduktion, sieht die Rechnung völlig anders aus. Da eins genau die Hälfte von zwei ist, hat sich das Risiko im Verhältnis zum Ausgangswert halbiert. Die relative Risikoreduktion liegt also bei 50 Prozent.
Eine Schlagzeile zu dieser fiktiven Studie könnte nun lauten: „Neue Maßnahme halbiert das Krankheitsrisiko!“ Das klingt nach einem massiven Durchbruch. Wenn man jedoch die absoluten Zahlen betrachtet, bedeutet es nüchtern: Von hundert Personen, die die Maßnahme anwenden, wird im Durchschnitt einer Person die Krankheit erspart. Dieses Beispiel illustriert eindrücklich, wie relative Zahlen Effekte optisch vergrößern können, während absolute Zahlen eine sachliche Einordnung ermöglichen.
Die Number Needed to Treat (NNT)
Eine weitere hilfreiche Kennzahl, um den Nutzen einer medizinischen Maßnahme sachlich zu bewerten, ist die sogenannte Number Needed to Treat, abgekürzt NNT. Auf Deutsch lässt sich dies übersetzen mit der Anzahl der zu behandelnden Personen. Diese Kennzahl übersetzt die absolute Risikoreduktion in einen sehr praktischen und alltagsnahen Wert.
Die NNT gibt an, wie viele Personen eine bestimmte Behandlung erhalten oder eine Präventionsmaßnahme durchführen müssen, damit im Durchschnitt eine Person davon profitiert und vor einem negativen Ereignis bewahrt wird. Um bei unserem fiktiven Rechenbeispiel zu bleiben: Die absolute Risikoreduktion betrug dort genau 1 Prozentpunkt. Die NNT berechnet sich, indem man den Wert hundert durch die absolute Risikoreduktion in Prozentpunkten teilt. Die Number Needed to Treat liegt somit bei 100.
Das bedeutet konkret: Einhundert Menschen müssen die Maßnahme anwenden, damit eine Person den Nutzen erfährt. Die übrigen Personen in dieser Gruppe hätten entweder ohnehin nicht die Krankheit bekommen oder sie erkranken trotz der Maßnahme. Die NNT ist daher ein nützliches Werkzeug, um die Verhältnismäßigkeit und den tatsächlichen Nutzen einer Intervention nüchtern zu betrachten. Das Harding-Zentrum für Risikokompetenz erklärt solche Zahlen beispielsweise sehr anschaulich mit sogenannten Faktenboxen, um medizinische Daten transparent und für Laien verständlich aufzubereiten.
| Kennzahl | Formel | Beispiel |
|---|---|---|
| Absolute Risikoreduktion (ARR) | Risiko der Kontrollgruppe minus Risiko der behandelten Gruppe | 2 von 100 minus 1 von 100 = 1 Prozentpunkt |
| Relative Risikoreduktion (RRR) | Absolute Risikoreduktion geteilt durch das Risiko der Kontrollgruppe | 1 Prozentpunkt geteilt durch 2 Prozent = 50 Prozent |
| Number Needed to Treat (NNT) | Hundert geteilt durch die absolute Risikoreduktion (in Prozentpunkten) | Hundert geteilt durch 1 = NNT 100 |
Schlagzeilen in den Medien kritisch prüfen
Im Alltag begegnen uns medizinische Studien meistens nicht im wissenschaftlichen Original, sondern aufbereitet durch Medienberichte, Artikel oder Beiträge in sozialen Netzwerken. Dabei fällt auf, dass in der Berichterstattung sehr häufig relative Risiken verwendet werden. Der Grund dafür ist einfach: Relative Zahlen klingen spektakulärer und generieren mehr Aufmerksamkeit. Eine Überschrift, die besagt, dass ein bestimmtes Verhalten das Risiko für eine Erkrankung um einen großen relativen Prozentwert erhöht, wird öfter geklickt als die nüchterne Feststellung, dass das absolute Risiko nur um einen winzigen Bruchteil ansteigt.
Wenn Sie Gesundheitsnachrichten lesen, lohnt es sich daher, kritisch zu bleiben und nach dem Basisrisiko zu suchen. Wenn ein Text ausschließlich mit Prozentangaben arbeitet, ohne die zugrunde liegenden absoluten Zahlen zu nennen, ist Vorsicht geboten. Eine gute Leitfrage lautet immer: „Prozent wovon?“ Eine prozentual hohe Steigerung eines extrem seltenen Risikos bedeutet in der Praxis oft immer noch ein sehr geringes Risiko für den Einzelnen. Achten Sie darauf, ob der Bericht auch die absoluten Zahlen nennt, idealerweise in einer verständlichen Form.
Fragen an medizinische Studien
Um Gesundheitsdaten aus Studien sachlich richtig einzuordnen, reicht es nicht immer aus, nur die Zahlen zu verstehen. Auch das Design und die Rahmenbedingungen einer Studie liefern wichtige Informationen über deren Aussagekraft. Wenn Sie von neuen medizinischen Erkenntnissen lesen, können Ihnen folgende Fragen helfen, die Relevanz der Ergebnisse besser einzuschätzen:
- Wurden die Daten an Menschen erhoben? Sehr oft basieren spektakuläre Schlagzeilen auf reinen Laboruntersuchungen oder Tierversuchen. Solche Ergebnisse lassen sich nicht direkt auf den menschlichen Organismus übertragen und dienen der Wissenschaft lediglich als erster Anhaltspunkt.
- Wie groß war die Teilnehmerzahl? Eine Studie mit sehr wenigen Teilnehmern hat eine deutlich geringere Aussagekraft als eine groß angelegte Untersuchung, die viele Menschen über einen langen Zeitraum hinweg begleitet hat.
- Wer hat die Untersuchung finanziert? Transparenz über mögliche Interessenkonflikte ist wichtig. Studien, die von Herstellern eines untersuchten Produkts finanziert wurden, sollten besonders kritisch auf ihre Methodik geprüft werden.
- Werden auch Nebenwirkungen genannt? Eine nüchterne Betrachtung erfordert immer das Abwägen von Nutzen und möglichen Schäden. Ein Bericht, der nur die positiven Effekte hervorhebt, ist unvollständig.
Bitte beachten Sie bei der Lektüre von Gesundheitsdaten stets: Allgemeine Informationen aus Studien oder Ratgebern ersetzen keine ärztliche Beratung. Wenn Sie bei sich Warnzeichen bemerken oder Ihr persönliches Risikoprofil besprechen möchten, ist eine ärztliche Abklärung immer der richtige und sichere Weg.
Checkliste
Gesundheitsmeldung prüfen: sieben Fragen
Häufige Fragen
Warum werden in der Werbung meistens relative Risiken genannt?
Relative Risiken wirken optisch oft viel größer und beeindruckender als absolute Zahlen. Wenn ein Hersteller den Nutzen seines Produkts bewerben möchte, wählt er naturgemäß die Zahl, die den größten Effekt suggeriert. Eine relative Reduktion klingt in der Regel weitaus überzeugender als die Nennung der oft sehr kleinen absoluten Risikoreduktion, auch wenn beide Werte letztlich exakt denselben Sachverhalt beschreiben.
Ist ein hohes relatives Risiko immer ein Grund zur Sorge?
Nein, nicht zwingend. Die Bedeutung eines relativen Risikos hängt immer vom absoluten Basisrisiko ab. Wenn das absolute Risiko für ein Ereignis extrem gering ist, bedeutet selbst eine starke relative Erhöhung des Risikos lediglich, dass das absolute Risiko von einem sehr niedrigen Niveau auf ein minimal höheres Niveau ansteigt. Für die meisten Menschen bleibt das Risiko dann trotzdem klein – wie relevant es ist, hängt aber von der persönlichen Situation ab.
Wo finde ich verlässliche und verständliche Gesundheitsdaten?
Verlässliche Gesundheitsinformationen zeichnen sich durch Neutralität, Transparenz und den strikten Verzicht auf reißerische Übertreibungen aus. Unabhängige wissenschaftliche Institute, evidenzbasierte medizinische Leitlinien und Organisationen, die sich der Risikokompetenz verschrieben haben, bieten oft sehr gute und verständliche Übersichten. Sie bereiten Daten so auf, dass sowohl der Nutzen als auch die potenziellen Risiken nüchtern und sachlich dargestellt werden.
Quellen
- Harding-Zentrum für Risikokompetenz
- Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF)
Hinweis: Diese Angaben ersetzen nicht den Rat einer qualifizierten Fachperson.